Jen Liu: The Pink Detachment

Film Screening und Einzelausstellung

from: 16.08.2016   to: 27.08.2016

Film Screening und Einzelausstellung von Jen Liu kuratiert von Lawinia Rate.


Jen Liu - The Pink Detachment
Jen Liu – „The Pink Detachment“ (2015) HD Video

The Pink Detachment ist eine Neuauflage der chinesischen Modelloper „Das Rote Frauenbatallion“ (1964) aus der Zeit der Kulturrevolution. Im Original schließt sich ein geschundenes Bauernmädchen einer Frauenarmee an, um Revolution für die Massen zu produzieren. Das ‚Produkt‘, das sie herstellen ist komplett Rot. In Jen Lius Neufassung haben sich sowohl die Protagonistinnen, als auch ihr Produkt verändert: Eine tollpatschige Arbeiterin und eine Ballerina, die als Managerin auftritt, um die Probleme der Arbeiterin zu lindern, stellen pinke Hotdogs her. Innerhalb der neuen Struktur wurden Teile der Originalmusik und -Choreografie beibehalten.

Im Kern der Arbeit steht die Farbgleichung Rot + Weiß = Pink, von der aus verschiedenste Bezüge hergestellt werden: der alte englische Begriff „pinko,“ der für Kommunisten mit verwässerten Ansichten, bzw. für liberale Kommunismus-Sympathisanten steht. Zweitens die Idee, zukünftige Krisen in der Nahrungsmittelversorgung durch eine Aufwertung der Hotdog- und Wurstproduktion zu lösen: „unerwünschte“ Teile des Schweins werden mit „erwünschten“ vermischt und in perfekter Balance in eine konsumierbare Form gebracht. Drittens Pink als Farbe des Femininen – nicht als „natürliche,“ fleischliche Sanftheit, sondern vielmehr als synthetisch hergestellte und potentiell gewalttätige Hybridität gedacht.


THE PINK DETACHMENT – Ausstellungstext von Lawinia Rate:

Jen Liu: THE PINK DETACHMENT: PRINCIPLE OF PERPETUAL CATASTROPHE, 2016
Jen Liu: THE PINK DETACHMENT – PRINCIPLE OF PERPETUAL CATASTROPHE (2016) Tinte, Wasserfarbe, Gouache & Gesso auf Papier, 129 x 83.75 cm

Verlangen, Mangel, Wert oder Not können der Grund des Impulses sein, etwas in Besitz zu nehmen, kaufen oder stehlen zu wollen. Warum begehren wir Dinge überhaupt? Warum haben manche Gegenstände einen höheren Wert als andere? Wie und wo entstehen Wunschobjekte? Wo beginnt mein Begehren und wo endet die Idee für ein Produkt? Was war zuerst, der Wunsch oder das Objekt des Wunsches? Und wo ist mein Ich in dem allen? Gilles Deleuze und Félix Guattari behaupten, wir seien niemals einsam im Begehren und in unserem Begehren verlangten wir nicht einfach nur nach einer einzigen Sache, sondern jegliches Begehren entstehe kollektiv. Wunsch und Subjekt sind verflochten, sie hängen voneinander ab. Begehren, Wertschätzungen und Dinge entstehen in heterogenen Gefügen. Diese Prozesse und die ihnen immanenten Machtverhältnisse sind kaum fassbar, eigentlich sind sie weder beschreibbar, noch zeigbar. Dennoch unternimmt Jen Liu immer wieder den Versuch der visuellen Auseinandersetzung mit diesen komplexen Verknotungen von Begehren und
Subjektivität.

Das Projekt „The Pink Detachment,“ das in der Ausstellung zu sehen ist, besteht aus einem Film und einer Serie Wasserfarbenmalereien. Es gehört zu Jen Lius neuesten Arbeiten und es ist zugleich ein Beispiel für ihre intensive Auseinandersetzung mit dieser Problematik.
Ein dominierendes Element der Malereien ist ein weiblich konnotierter, von allen Seiten drückender und stechender Zeigefinger. Er steht pars pro toto für die Komplexität der Produktionsstrukturen und spezifische Verteilungen von Macht. Zugleich sind diese Bilder, wie Liu selbst unterstreicht, Zukunftsvisionen. Denn führen wir uns vor Augen, dass ökonomische Rationalisierungen sich auch im asiatischen Raum zunehmend weiblich dominierter Dienstarbeit bedienen, sind die Bilder Visionen der Auswirkungen ökonomisch-politischer Kontrollstrategien von heute.

Im Film macht sich Lius Auseinandersetzung mit den Machstrukturen von Produktionsverhältnissen schon auf der technischen Ebene bemerkbar, wenn sie mit der simultanen Anwendung verschiedener Bildtechniken experimentiert. Der Film changiert zwischen der Immaterialität der digitalen Welt, der Materialität von Alltagsgegenständen sowie phantastischen Verschmelzung von abstrakten geometrischen Grundformen in 3D mit dem menschlichen Körper. Inhaltlich basiert der Film auf dem chinesischen Propaganda-Ballett „The Red Detachment of Women“ aus den Jahren der Kulturrevolution. Dieses Ballett handelt von einer Frau, die sich auf der Insel Hainan der Frauentruppe der Roten Armee anschließt. Die Wahl dieser Vorlage erfolgte nicht alleine vor dem Hintergrund eines historischen Interesses, sie dient vor allem der Reflektion der aktuellen Situation der weiblichen Arbeiterinnen in der Volksrepublik China. Der Schauplatz einer schweinefleischverarbeitenden Fabrik fungiert zugleich als Metapher für die wechselseitigen Prozesse der (Re-)Produktion von nationaler Identität, Klassenzugehörigkeit und Geschlecht. Diese erweisen sich hier als historische Fiktionen, die aus einer Kette uniformierender Produktionsabschnitte resultieren.

Der Film baut auf dem Gedankenexperiment auf, die Vergangenheit und die Gegenwart, trotz aller Diskontinuitäten, als Kontinuum zu sehen: Sind die ökonomischen Ideologien von heute eine Verlängerung vergangener Phantasien, Wünsche und Bedürfnisse? Diesen Gedankengang erprobt Jen Liu in einem visuellen Experiment. Sie zitiert die Choreographie und die Musik des Balletts „The Red Detachment of Women“. Wieviel von den alten Gedanken und Bestrebungen bleiben erfahrbar in den nachgespielten Bildern? Wieviel Vergangenheit steckt in einem Zitat? Die Vorlage wird allerdings nicht eins zu eins kopiert. Die Farblichkeit, die Protagonistinnen und das Ende bzw. das Endergebnis sind völlig verändert. Pink Detachment ist kein Re-Make. Dieser Film ist keine Re-Inszenierung, sondern eher eine De-Inszenierung im Sinne der De-Konstruktion. De-Inszenierung meint hier einen performativ-interventionistischen Akt der Künstlerin, wenn sie das Archivmaterial rearrangiert oder eher in einem selbstreferentiellen Gestus danach fragt, ob es überhaupt möglich ist, Archivmaterial politisch erneut zu begründen.


Ausstellungseröffnung: 16. August, 2016, 18-21 Uhr
mit Film Screening und Q&A Session von 19-20 Uhr

Ausstellungsdauer: 17.-27. August 2016
Öffnungszeiten: Di-Sa, 14-19 Uhr
Eintritt frei

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