Softex – Christian Vagt

Opening 01.11.2016, 6-9pm

from: 02.11.2016   to: 12.11.2016

Die Serie Softex umfasst fünfzehn großformatige Fotografien, die geflüchtete Menschen und ihre Bewacher in verschiedenen Anordnungen jenseits des Zauns des geschlossenen Lagers Softex in Griechenland zeigen.

Die Ausstellung findet im SomoS Art House in Berlin von 2-12 November 2016 statt. Begleitet wird die Ausstellung von einer Veranstaltung zur gegenwärtigen Situation der Flüchtenden, sowie deren Wiederspiegelung in der Fotografie und anderen Medien.

 

Christian Vagt Artist Statement:

Softex ist ein von Militär und Polizei geführtes Lager in einem Industriegebiet Thessalonikis. Geflüchtete Menschen leben hier unter schlechten Bedingungen in Zelten in der ehemaligen Halle einer Toilettenpapierfabrik und auf der Brache dahinter.

Der Weg vom Nahen Osten über den Balkan war 2015 die wichtigste Route für Flüchtende nach West- und Nordeuropa. 2016 schlossen einige europäische Länder ihre Grenzen. Die Menschen wurden in Lagern interniert. Der Versuch, sie auf Europa zu verteilen, scheitert an der Ablehnung vieler Staaten Menschen aufzunehmen. Durch die Erklärung von Ländern außerhalb Europas zu sicheren Herkunftsländern versuchen einige Staaten die Flüchtenden ganz aus Europa fernzuhalten. Die Geflüchteten, die es dennoch nach Europa schaffen, werden gemäß dem Dubliner Übereinkommen in den sogenannten sicheren Drittstaaten an den europäischen Außengrenzen festgehalten.

„Griechenland könnte ein riesiges Gehege zur Verwahrung von Geflüchteten werden und die gleiche kontroverse Funktion erfüllen, wie die Inseln Nauru und Manus für Australien und den Pazifik. Falls sich die Situation nicht verbessert, haben wir ein System im australischen Stil, in dem Griechenland Nauru wird.“, schreibt der Guardian in einem Artikel über Softex.

In Children of Men (2006), einem Film von Alfonso Cuarón, hat Großbritannien seine Grenzen für immer geschlossen. Angst wird benutzt, um einen Polizeistaat zu rechtfertigen. Migranten werden verfolgt, zusammengetrieben und in Käfigen zur Schau gestellt. Sie werden in Lager wie das berüchtigte Bexhill an der Küste deportiert oder auf der Stelle exekutiert.

Der psychoanalytische Theoretiker und Kulturkritiker Slavoy Žižek: „Ich würde sagen, dass es ist ein realistischer Film ist, aber in welchem Sinne? Hegel sagt in seiner Ästhetik, dass ein gutes Abbild mehr wie die Person aussieht, die porträtiert wird, als die Person selbst. Ein gutes Abbild ist mehr du, als du es selbst bist. Und ich denke, das ist, was der Film mit unserer Realität macht. Die Veränderungen, die der Film macht, deuten nicht in Richtung alternativer Realität, sie machen die Realität nur mehr zu dem, was sie ohnehin schon ist. Ich denke, dass ist die wahre Berufung von Science Fiction. Science-Fiction-Realismus führt eine Veränderung ein, die uns besser sehen lässt. Der Alptraum, den wir erwarten, ist schon da.“

Die Bilder entstanden an drei Tagen im Juni und Juli 2016. Ich fotografierte aus dem fahrenden Auto, auch um den Zufall in die Entstehung des Bildes einfließen zu lassen. Der Zufall schafft Bilder, die der Verstand nie machen könnte.

Ich wollte keine Einzelschicksale erzählen, keine Nähe vortäuschen, dem Betrachter nicht ermöglichen, sich durch Einfühlung der eigenen Menschlichkeit zu vergewissern, sich so zu erleichtern. Diese Einfühlung ersetzt die Geste, etwas zu verändern.

Susan Sontag schreibt in Das Leiden anderer betrachten: „Mitleid ist ein unbeständiges Gefühl. Es muss in die Tat übersetzt werden, oder es welkt. Die Frage ist, was mit den Gefühlen tun, die erregt wurden, dem Wissen, das kommuniziert wurde. Wenn man fühlt, dass es nichts gibt, was „wir“ tun können – aber wer ist dieses „wir“? – und auch nichts was „sie“ tun können – und wer sind „sie“ – dann beginnt man gelangweilt, zynisch, apathisch zu werden. Und es ist nicht unbedingt besser bewegt zu sein. Sentimentalität ist bekanntermaßen völlig kompatibel mit einem Geschmack für Brutalität und Schlimmeres.“

So zeige ich Fotos des Zauns, undurchlässig und durchlässig, und des Geschehens dahinter, dass er verdecken soll, dem er aber eine Leinwand aufspannt: Zelte, Menschen die Schlange stehen, eine Mülltonne, ein Sandhaufen, ein Mann kniet, eine Mutter mit Kind, das Militär und die Polizei und die Körperhaltungen der Macht.

Noch einmal Žižek über Children of Men: „Der wahre Fokus des Films liegt auf dem Hintergrund und es ist entscheidend, ihn als Hintergrund zu lassen. Es ist das Paradox von dem, was ich Gestaltlosigkeit nennen würde, wenn du zu direkt auf das Ding schaust, die unterdrückende soziale Dimension, siehst du sie nicht. Du kannst sie nur auf eine indirekte Weise sehen, wenn sie im Hintergrund bleibt.“

„Die eingebildete Nähe zu dem anderen zugefügten Leid, die von den Bildern gewährt wird,“ schreibt Susan Sontag, „suggeriert eine Verbindung zwischen den fernen Leidenden und dem privilegierten Zuschauer, die einfach unwahr ist, die nur eine weitere Verschleierung unseres wirklichen Verhältnisses zur Macht ist. Soweit wir Mitgefühl empfinden, fühlen wir, dass wir nicht Komplizen dessen sind, was das Leiden verursacht hat. Unser Mitgefühl verkündet unsere Unschuld, wie unsere Ohnmacht.“

 

Über Christian Vagt:

Christian Vagt ist ein in Berlin lebender Fotograf. In den neunziger Jahren dokumentiert er den Alltag von Hausbesetzern im Osten Berlins und arbeitet als Clubfotograf im SO36. Aufmerksamkeit erregen 2009 seine Fotografien schwuler Punks und Skinheads in der Galerie der Kunsthalle Tallinn, Estland. „Seine Fotos sind nicht inszeniert, vielmehr sind es Momentaufnahmen, die oft wie Filmausschnitte wirken. Dieser Eindruck wird durch die Serialität noch vertieft.“ (Ants Juske, Eesti Päevaleht). The Sprawl, eine Fotoserie von Kim Gordon, damals Sängerin und Bassistin der Band Sonic Youth, kommt 2010 zur Ausstellung. Daneben fotografiert er Reportagen in New York, Sibirien, Zentralasien und Bosnien. 2016 erscheinen seine Fotografien des SO36 im Buch S036 – 1978 bis heute, begleitet von einer Ausstellung in der Galerie Knoth und Krüger. Die Bilder der Ausstellung Softex im SomoS Art House entstehen auf einer Reise im Sommer 2016 entlang der Balkanroute, dem bis dahin wichtigsten Weg für Flüchtende nach Westeuropa.


Christian Vagt
Softex
Fotografien eines Lagers

Öffnungszeiten: 02.-12.11.2016, Di-Sa 14-19 Uhr

01.11.2016, 18 Uhr – Eröffnung
03.11.2016, 18 Uhr – Künstlergespräch mit Christian Vagt
11.11.2016 ,19 Uhr – Wie wir helfen: Moderiertes offenes Gespräch
12.11.2016, 18 Uhr – Finissage

SomoS Kunsthaus
Kottbusser Damm 95, 1..OG
10967 Berlin