Ghosts & Monsters – Black Jaguar Interview

Frauenbilder, Patriarchat & Misogynie in Südkorea

16.12.2019

In diesem Interview reden wir mit der aus Südkorea stammenden Künstlerin Black Jaguar, die in Seoul lebt und arbeitet. Das Fundament ihrer Arbeit stellt die Subversion des Patriarchats sowie die Wiederaneignung misogyner Ansichten des „Abscheulich Femininen“ der südkoreanischen Kultur dar. Inspirationen findet sie in gegenwärtigen feministischen Themen, darunter vor allem die sexuelle Gewalt, Stereotypen und Arbeitsrechte der Frauen. Auch das Trauern und die Empathie von Frauen sind wiederkehrende Themen der Arbeit von Black Jaguar.

Während ihres Künstleraufenthalts und bis zur Eröffnung ihrer Soloausstellung “Spiegel/반사!” am SomoS haben wir mit Jaguar über die Thematik ihrer Arbeit, ihre Inspirationen als Künstlerin und ihre Zeit in Berlin gesprochen. Das Interview führte Kuratorin Kendall Cashmore.

Black Jaguar at her SomoS studio, Berlin, November 2019 Photo: Refik Sancar
 

Kannst du uns ein wenig von dir selbst und deiner Arbeit als Künstlerin erzählen?

Ich lebe in Soul und arbeite als bildende Künstlerin. Ich beschäftige mich auf unterschiedliche Weisen mit Themen von Minderheiten, und arbeite mit Aktionskunst, Zeichnung, Fotografie und Fashion.

Wie ist dein Interesse an Kunst entstanden?

Mein Vater war selbst Künstler und Kurator. So wurde mir schon von klein auf die in unserem Haus herrschende künstlerische Atmosphäre mitgegeben. Es schien wie eine logische Entwicklung, dass ich auch diese Berufung wählen würde.

Durch die Arbeit als Künstlerin wurde mir klar, dass die Geschichten, die eine Gesellschaft versteckt, durch die Kunst an die Oberfläche gebracht werden können; es war eine Möglichkeit, die Kunst durch diese Fähigkeit neu zu entdecken.

Siehst du deine Arbeit mit einer bestimmten Tradition verflochten? Wodurch wirst du beeinflusst oder inspiriert?

Ich sehe meine Arbeit nicht in einer bestimmten Bewegung oder einem Stil der Kunstgeschichte fundiert. Was mich beeinflusst hat, waren weniger historische Bezüge, sondern verschiedene Aspekte des aktuellen Lebens.

Ich interessiere mich für Subkulturen und verschiedene Minderheitenthemen, und ich beobachte diese Themen gerne durch Online-Medien wie SNS und YouTube.

Am intensivsten beeinflussen mich diejenigen, die in derselben Zeit leben wie ich. Zum Beispiel durch die Mütter der Menschen, die beim Sewol-Fährenunglück verstorben sind. Vor drei Jahren habe ich diese während meiner Solo-Ausstellung kennengelernt. Diese Frauen hatten alle möglichen Formen der Anstrengungen hinter sich, manche haben sich ihren Kopf rasiert, manche hatten sich entschlossen, zu fasten, haben sich in Theatern, Chöre und Vorträge ausprobiert, um Wege zu finden, den Unfall zu verarbeiten. Ihre schon übermenschlichen Erscheinungen haben mich an die mächtigen Göttinnen uralter Zeiten erinnert, die ich öfters in meinen Arbeiten repräsentiere, um im Kontext der koreanischen Mythologie ein positives Frauenbild zu schaffen.

Jaguars Performance “VEGA“, die 2016 aufgeführt wurde, war eine Reaktion auf das Unglück der Fähre MV Sewol. Diese war untergegangen und hatte dabei viele Menschen mit in den Tod gerissen. Durch das Unglück wurde auch eine Korruptionsaffäre der Regierung offengelegt. Tatsächlich führte das Unglück mit zur Amtsenthebung des damaligen Präsidenten Park Geun-hye.

Im Laufe ihrer Recherche für “VEGA“ traf Black Jaguar drei trauernde Mütter, deren Kinder auf dem Schiff gewesen waren, und begann, ihre Erinnerungen in einer einfühlsamen Aufführung nachzuerzählen. Aufgrund der großen öffentlichen Wirkung, die die Tragödie hatte, nutzte Black Jaguar während der Aufführung das politische Potenzial von öffentlichem Raum: sie stellte sich auf die der Galerie gegenüberliegende Seite der Straße, von der ZuschauerInnen sie beobachten konnten. Durch diese Mediation der Straße, mit ihren PassantInnen, vorbeifahrenden Autos und dem gemeinsam genutzten Raum, und mit der Nutzung von Apps und einer künstlich verstärkten Stimmte konnte Black Jaguar ihre Botschaft verkünden.

Female performance artist sitting on a blanket on the Seoul pavement, facing her audience in a storefront art gallery space, where people are sitting and watching intently.
Black Jaguar – VEGA, 2016, live broadcasting performance, Space Haebang, Seoul

Warum hast du dich für dein Projekt “VEGA“ für die Geschichten der Mütter des MV Sewol-Unglücks interessiert?.

Vor dem Sewol-Unglück habe ich an einem Projekt in Reaktion auf die 18. Mai Gwangju Demokratiebewegung gearbeitet. In meiner Arbeit wurden Fotos der Opfer des Massakers an einer alte Uhr befestigt, und ihre Wunden mit Öl und Kristallen gefüllt. Zudem hat meine Aufführung „Bath at Noon” am symbolischen Ort des Massakers die Geschehnisse der Vergangenheit mit Hilfe des Körpers einer jungen Frau präsentiert, was sowohl Kontroverse als auch Fragen erzeugt hat. Gwangju und Sewol haben viel gemeinsam, vor allem, da die Identitäten von Opfern und Individuen gesellschaftlich verheimlicht wurden, und diese stattdessen als „Mob“ oder „Opfer“ bezeichnet wurden. Durch die Erinnerungen der Mütter der Opfer wollte ich dem Publikum mitteilen, was wir wirklich verloren haben, und eine Verbindung zu ihrem Gefühl der Trauer und der Sehnsucht herstellen.

Du hast eine „schwarze Liste“ der KünstlerInnen, die zum Fährenunglück arbeiten, erwähnt. Welche Beziehung hat dein Projekt “VEGA“ zu Themen der Zensur in Südkorea?

Ich hatte das Glück, meine Solo-Ausstellung mit offizieller Unterstützung der Stadt geben zu können. Jedoch war die Ausstellung nur möglich, weil sie von einer individuell agierenden Künstlerin statt einem öffentlichen Kunstmuseum organisiert wurde, und sie auf einem alternativen Raum abgehalten wurde. Zur gleichen Zeit musste bei vielen öffentlichen Ausstellungsorten Kunstwerke verändert oder gar ersetzt werden, nur weil sie zum Teil die Farbe Gelb enthielten. Gelb war eine symbolische Farbe der Bewegung zur Erinnerung an das Sewol-Fährenunglück.

Deine Bilderserie Sunyoung, Miyoung, Mi Young aus 2017 entpuppt sich als ehrgeiziges Generationenportrait, das mythologische Tropen, Geistergeschichte, Horrorfilme und Popkultur dekonstruiert, um die darin enthaltene Misogynie in Frage zu stellen. Warum wolltest du Frauen namens Sunyoung, Miyoung and Mi Young treffen?

“Sunyoung” ist bloß ein Symbol für viele Frauen, die gemeinsam in Korea leben. Ich bin 1980 geboren und einige der beliebtesten Mädchennamen unserer Generationen waren Namen wie Sunyoung und Miyoung. In meiner Klasse gab es immer mindestens zwei oder drei Sunyoungs und Miyoungs. Teilnehmerinnen mit solchen gewöhnlichen Namen zu rekrutieren, schien mir ein guter Ausgangspunkt, um eine Verbindung mit Frauen meiner Generation herzustellen. Viele Frauen haben sich freiwillig gemeldet, um die Bedeutung meiner Arbeit zu verstehen, und das waren nicht immer Frauen mit diesen Namen.

Female sea monsters around a ship.
Black Jaguar – Sunyoung, Miyoung, Mi-young-Suyeon, En-Jung, Sunyoung, Minsun,-EunKyong, 2017, mixed-media on Korean paper, 280 x 210cm

Kannst du uns einen Einblick in die verschiedenen Anknüpfungspunkte deiner Arbeit geben, vor allem die Geister und Ungeheuer von “Sunyoung, Miyoung, Mi Young” und ihrer Rolle in der Kunst und Populärkultur?

Für meine Zeichenserie “Sunyoung, Miyoung, and Miyoung” aus 2017 habe ich auf die Transformationsprozesse von Gottheiten in verschiedenen Mythologien und der Geschichte Bezug genommen. In alten Kreationsmythen wurde eine Göttin ursprünglich als einzelne, in der Agrargesellschaft situierte, Gottheit angebetet und wurde auch durch Tiere, darunter Schlangen und Vögel, symbolisiert. Diese Tiere repräsentierten sowohl das “Wasser der Erde” als auch das “Wasser des Himmels” und beschrieben die unbegrenzte Macht, über die die Göttin verfügte. Doch ab der Mitte des Bronzezeitalters fokussierte sich die Gesellschaft mehr und mehr auf Lebensformen des nomadischen Jagens und Sammelns. Dieser Wandel führte auch zum Entstehen des Patriarchats. Obwohl die Götter durch Göttinnen auf die Welt kamen, wurde ihr Status irgendwann stärker als der der Göttinnen. Die Göttinnen verloren nach und nach ihre Präsenz in der Mythologie. Tiere, die einst die Macht der Göttinnen symbolisierten, wurden mit dem weiblichen Körper verbunden und wandelten sich zu dämonisierten Ungeheuern wie der Hydra, Medusa und dem Drachen. Die typischen mythologischen Handlungsmuster, in denen männliche Helden wie Herkules diese Monster köpften und deren Mächte annahmen, wurden seitdem sowohl in Ost wie West immer wieder reproduziert. Daher kann man die mythischen weiblichen Ungeheuer in meiner Arbeit als Reflektion einer antiken Misogynie in einem aktuellen Kontext sehen.

Der visuelle Stil von „Sunyoung, Miyoung, Mi Young“ ist beeindruckend. Ist er durch den Stil traditioneller koreanischer Malstile und Kodizes inspiriert?

Ursprünglich habe ich mich an den Strukturen traditioneller koreanischer Bilder orientiert, um der Ansicht Ausdruck zu verliehen, dass sie Unterdrückung von Frauen nach wie vor andauert. Aber ich habe mir auch moderne Materialien angeeignet, darunter Glitzer, Stifte und Metallicfarben.

Warum hast du die Serie “Sunyoung, Miyoung, Mi Young” aus 2017 mit deiner linken Hand gemalt?

Während meiner Arbeit an den Bildern habe ich die Teilnehmerinnen über ihre Träume, die ihre Erinnerungen als Frauen enthielten, befragt. Dabei ergaben sich viele Geschichten, in denen sie männerartige Figuren, zumeist in Form von Soldaten, bekämpft oder gejagt hatten. Überraschenderweise enthielten diese alle ähnliche Erinnerungen in ihren Träumen; dem Reich des Unbewussten. Um diese unbewusste Empathie und intuitive Verbindung, die ich mit jeder Teilnehmerin teilte, auszudrücken, verwendete ich meistens meine linke Hand. Die rechte Hand kam aber als Ergänzung zum Einsatz.

Da wir gerade davon reden, wie ist es generell mit der Spiritualität in deiner Arbeit? Was hältst vom koreanischen Schamanismus? Welche Beziehung hat Spiritualität mit deinen Schaffensprozessen, und wie verhält sie sich in Beziehung zum Feminismus?

Ich halte die spirituelle Verbindung und Empathie für wichtige Aspekte meiner Arbeit, so wie es auch die traditionellen Schamanen der Vergangenheit hielten.

In der modernen Zeit ist der traditionelle Schamanismus als barbarischer Aberglaube in Verruf geraten, der mit Begriffen wie der Zivilisation, einem Reich, der Logik oder der Wissenschaft unvereinbar gilt. In der koreanischen Tradition jedoch waren Schamanen meistens Frauen, die stark am Leben der Menschen beteiligt waren, und an Festivitäten und Ritualen, wie Gebeten für eine gute Ernte, teilnahmen.

Vor allem auf der Insel Jeju hatte diese Gruppe einen wichtigen Stellenwert und wurde zum Zentrum der maternalen Gemeinde von Hae-nyeo (해녀 Frauentaucher). Aus einem feministischen Blickpunkt sehe ich den koreanischen Schamanismus daher als die einzige frauenzentrische Kultur traditioneller koreanischer Gesellschaft, und halte es für bedeutend, diese in meiner Arbeit mit kontemporären Feminismus zu verknüpfen.

Das Element der Haute Couture des Projekts Sunyoung, Miyoung and Mi young verbindet aktivistische und ästhetische Komponenten in einem Kunst-Fashion-Projekt. In “Haute Couture, Sunyoung, Miyoung and Mi young (2018-),” hast du so etwas wie eine queere, Do-it-yourself Anti-Ästhetik entwickelt, und dabei auf konfrontative, aber durchdachte Art Farben, Licht, Make-Up, Mise en Scène und Selbstpräsentation eingesetzt, die übliche Fashion-Darstellungen von Gender und Attraktivität unterwandern.

Kannst du uns eine etwas detailliertere Einführung in diese Arbeit geben und uns etwas über deine Techniken und stilistische Mittel erzählen?

Die Bilder von Geistern, auf die in Haute Couture, Sunyoung, Miyoung and Mi young (2018-) Bezug genommen wird, wurden durch klassische Horrorfilme des koreanischen Kinos inspiriert. Weiblich Geister sind mit dem Erscheinen des ersten koreanischen Horrorfilmes „The Cemetery of the Moon“ aus 1967 eine beliebte Filmfigur geworden. Die Sechziger waren eine Ära, in der in Korea eine weibliche Arbeiterklasse entstand, als die gesellschaftliche Nachfrage nach weiblicher Erwerbsarbeit anstieg. Diese Frauen lebten alleine und heirateten nicht, was den traditionellen, gesellschaftlichen Geschlechterrollen in Korea widersprach. Da sich in den Bildern der Geister in den Horrorfilmen die Angst vor diesen Frauen in der patriarchalen Gesellschaft wiederspiegelte, kann man dieses Handlungselement als frauenfeindlich betrachten.

Gleichzeitig kann man sagen, dass diese weiblichen Ungeheuer bzw. Geister subversive Gestalten sind, die ihrer stereotypisch angestammten weiblichen Form entkommen sind. Obwohl sehr stark objektiviert, waren sie zugleich stark und furchtlos, und besaßen sogar die Macht, die patriarchale Gesellschaft, vor der sie geflüchtet waren, zu erschüttern und zu verstören. Ihre übersinnliche Macht kam von sorglos losen Haaren, weißer Kleidung, der unschönen Erscheinung von Blut, Gräbern, Tieren und den ihnen beigesetzten psychedelischen Lichtern und Soundeffekten.

Es wurden unheimliche filmische Mittel eingesetzt, um zu zeigen, wie schrecklich die weiblichen Geister waren, aber gleichzeitig reflektieren sie ihren wegweisenden und einzigartigen Status.

Ich verwende diese Mittel gerne, um eine Verbindung der Charakteristika der weiblichen Ungeheuer mit gegenwärtigen Minderheiten herzustellen. Damit kann die gesellschaftliche Abscheu und der Hass, der ihnen entgegengeworfen wird, neutralisiert werden und Reflektion über die Identität dieser Minderheiten geschaffen werden.

Hast du in deiner Haute Couture-Serie auch schwule/queere Männer als Models eingesetzt?

Ich bin nicht der Ansicht, dass sich Feminismus lediglich an biologische Frauen richtet. Für mich ist das soziale Geschlecht wichtiger als das biologische, wenn wir über das “weibliche” gender sprechen. Soziale Minderheiten, männliche Feministen und sexuelle Minderheiten haben sicher ihre Differenzen, aber dennoch ist es wichtig, miteinander in Verbindung zu treten und sich gegenseitig mit Respekt für Diversität zu unterstützen.

Bare-breasted Korean woman in Black Jaguar's Haute Couture project.
Black Jaguar – Haute Couture, Sunyoung, Miyoung and Mi young, Berlin, 2019

Kannst du uns etwas über das traditionelle Kleidungsstück erzählen, das in deiner Haute Couture-Serie eine bedeutende Rolle spielt?

Das “Hanbok” war während der Joseon-Dynastie, die sehr konfuzianisch war, eine traditionelle koreanische Tracht. Männer waren mit einer Hochkultur, Frauen mit einer niedrigeren Kultur gleichzusetzen. Starb ein Ehemann einer Ehefrau, musste sie entweder alleine leben oder ebenso sterben. Zudem mussten Frauen ihre Gesichter ihre Gesichter mit Kleidung bedecken, sobald sie das Haus verließen.

In den 1960ern, nach dem Koreakrieg, erlangte der erste koreanische Horrorfilm große Beliebtheit, und damit auch die Figur der weiblichen Geister, die weiße Hanbok trugen. Ich denke, dass der “soziale Horror” von Frauen, die vom Patriarchat abwichen durch die weiblichen Geister der Horrorfilme der Zeit verkörper wurde. Weiß ist einerseits die Farbe von Unterwäsche, andererseits die Farbe, die von den Toten getragen wird. In diesen Filmen tragen weiße Kleider also eine doppelte Bedeutung; sie repräsentieren erstens die Kultur der Vergewaltigung und des Mordes an Frauen, und zweitens nutzen die Geister sie als Köder, um Männer zu verführen, diese transzendente Macht bestraft somit Übeltäter.

Poster for "Cheoneonho, A Thousand Year Old Fox, 1969, directed by Shin Sangok, featuring a monstrous Korean woman.
Poster Cheoneonho, A Thousand Year Old Fox, 1969, directed by Shin Sangok

Wie siehst du den Einfluss von Konfuzianismus (und/oder anderen Philosophien oder Religionen) auf die sozialen Beziehungen in Korea? Ist “Erbe” etwas, womit du dich als feministische Künstlerin beschäftigen musst?

Die Ideologie, die in den 500 Jahren der Joseon-Dynastie zum Fundament der koreanischen Gesellschaft wurde, ist der Konfuzianismus. Diese ursprünglich chinesische Philosophie, wurde durch die Sadaebu (Gelehrten-Beamte), die herrschende Klasse der Joseon-Dynastie, weitgehend als patriarchale Ideologie praktiziert und interpretiert. Obwohl sich die Gesellschaft seit dieser Zeit weiter entwickelt hat, gibt es nach wie vor bestehende Stereotypen, darunter die hierarchische Kultur, männerorientierte Gesellschaften und traditionelle Geschlechterrollen. Auch weibliche Geister sind ein Klischee, das von der Koexistenz von Unterdrückung und Feindseligkeit gegenüber Frauen zeugt. Als feministische Künstlerin habe ich die Strategie der Wiederaneignung gewählt, um die Figur mit den Themen und Problematiken von Minderheiten zu verbinden.

Deine Samdae-Bilder, die nach Sunyoung, Miyoung, Mi Young geschaffen wurden, zeigen drei Generationen von Frauen in deiner Familie. Warum hast du deine Familie als Motiv für deine Arbeit herangezogen?

Drawing titled "Samdae - Jong-hee" by Korean artist Black jaguar features a "monstrous female" with claws, standing on one leg.
Black Jaguar – Samdae – Jong-hee, 2019

Meine eigenen Erfahrungen, als weibliche Künstlerin überleben zu versuchen, stehen in Verbindung zur Geschichte meiner Mutter und Großmutter, da sich Gemeinsamkeiten im Sinne sozialer und wirtschaftlicher Armut und Defizite finden lassen, obwohl sich unsere Leben und Hintergründe unterscheiden.

Deshalb bin ich daran interessiert, wie sich weibliche Armut von einer Generation auf die nächste übertragen kann. Ich bin interessiert an dem Gefühl, dass wir nicht alleine stehen oder unabhängig sein können, vergleichbar mit Menschen, die nur ein Bein haben. Diese Wahrnehmung hat mich lange geplagt, aber in den Bildern stehen wir wie durch mysteriöse Kraft auf einem Bein, und drücken uns damit selbst als transzendente Wesen mit Superkräften aus. Die weiblichen Geister in den Malereien sind somit in gewisser Weise auch andere Wesen als meine reale Familie.

Die drei neuen Bilder Samdae (drei Generationen) repräsentieren den weiblichen Geist jeder Generation; Großmutter-Mutter-Ich. Meine Mutter und Großmutter haben beide die wirtschaftliche und soziale Transformation Koreas durchlebt. Meine Großmutter ist mit der “neuen Frau” verbunden, die in moderner Zeit, nach Joseon, aufgetaucht ist, und bei meiner Mutter finden sich Verknüpfungen zur “Karrierefrau”, die seit den Sechzigern sichtbar ist. Meine eigene Erscheinung in den Bildern wurde durch Poster der Grünen-Kandidatin Shin Ji-ye, die für das Amt der Bürgermeisterin von Seoul kandidierte inspiriert. In einer Zeit, als die den Feminismus als politischen Slogan vorschlug, gab es Kontroversen um ihre Augen (einige Männer waren der Ansicht, dass diese zu herausfordernd dreinblicken würden).

Hast du durch deinen Künstleraufenthalt am SomoS neues über dich selbst oder deine Arbeit herausgefunden?

Ich bin noch nicht lange hier, aber ich habe viel Energie gespürt und neue Ideen bekommen. Die multikulturelle Kulisse dieser Gegend ist interessant, weil sie mich an mein Viertel in Soul erinnert. Ich fotografiere Portraits von verschiedenen Minderheiten, wie MigrantInnen oder Queer-Menschen, in Berlin. Meine Arbeit wird im Dezember in einer Solo-Ausstellung am SomoS zu sehen sein. Dabei wird es auch eine Performance geben.

Erzähl uns bitte etwas mehr über deine Ausstellung am SomoS.

Der Titel der Ausstellung ist ‘Spiegel거울l’ (Reflexion) und stellt ein Kernkonzept meiner Arbeit in den letzten drei Jahren, während der Serie “Sunyoung, Miyoung, and Miyoung” dar. Als ich ein Kind war, gab es in Korea ein Spiel: wenn jeand “Reflexion!” rief, musstest du schnell “Reflexion!” zurückrufen, bevor dich jemand schlug. Dann durftest du mit derselben Härte zurückschlagen. In dieser Ausstellung will ich das Konzept der Reflexion im Sinne eines Akts bearbeiten, mit dem Minderheiten und das Publikum mit einer schützenden, spirituellen Energie aufgeladen werden. Dieser Akt der Reflexion ist sowohl kulturelle Verteidigung als auch Vorstoß, eine Erklärung der Solidarität, die Minderheiten erlaubt, sich zu schützen und auszudrücken.

Die reflexiven Performance-Objekte, die in der Ausstellung Anwendung finden, wurden durch typische Objekte inspiriert, die in Horrorfilmen ganz bestimmte Mise en Scène-Elemente schaffen, darunter Spiegel oder Fenster. Diese Objekte dienen oft als Blickwinkel oder Portale, die es Geistern zu erlauben, sichtbar zu werden oder zu kommen und zu gehen.

In Seoul habe ich mit FeministInnen, Queers und AktivistInnen zusammengearbeitet. In Berlin bereite ich Porträtarbeiten und Aktionen mit MigrantInnen, FeministInnen, Queers und KünstlerInnen, die ich während meines Aufenthalts kennenlernte, vor.

Das finde ich gerade deswegen bedeutend, weil in der Region Kreuzberg/Neukölln, wo ja auch das SomoS ist, viele MigrantInnen leben. Wenn ich einmal über die nationalen Grenzen von Seoul und Berlin hinausdenke, würde ich gern ein feministisches Projekt durchführen, das Menschen durch Minderheiten-Themen verbindet und die Thematik kultureller und emotionaler Solidarität erforscht.


Links:

Black Jaguar
SPIEGEL/반사! Einzelausstellung
Black Jaguar homepage

SPIEGEL/반사! Ausstellungsdauer: 13.-21. Dezember, Dienstag-Samstag, 14.00-19.00 Uhr
Eintritt wie immer frei

SomoS, Kottbusser Damm 95, 1.0G, 10967, Berlin (U8 – Schönleinstraße)


Die Künstlerresidenz von Black Jaguar bei SomoS wird vom Arts Council Korea unterstützt.

Arts Council Korea