Orphaned Memories

Dongyan Chen, Ivetta Sunyoung Kang, Elena Amabili

from: 15.06.2019 14 Uhr  to: 22.06.2019 19 Uhr

Die Ausstellung Orphaned Memories untersucht das Zusammenspiel von Objekt, Ort, Erinnerung und Zeit im Hinblick auf das Future III-Thema des aktuellen 48h-NK-Festivals. Dieses Thema betrachten die Künstlerinnen Ivetta Sunyoung Kang (Kanada/Südkorea, Installation), Dongyan Chen (UK/Singapur, Installation) und Elena Amabili (Italien/Deutschland, Fotografie) aus psychogeografischer, ideologischer und psychologischer Perspektive.

Zeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Der Lauf der Zeit und die Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln ermöglichen Neuinterpretation, Nachdenken und Spekulation. In den gezeigten Werken treffen Historisches, Zeitgenössisches und Futuristisches aufeinander und eröffnen neue Sichtweisen.


Oft vergessen wir, wie flüchtig unsere Ansichten und unser Verständnis von Kultur sind. Vergangene Kunstauffassungen, Meinungen und Objekte, die Teil einer ideologischen Zukunftsvision waren, können heute als unerwünscht und überholt gelten. Alles ist jedoch im Wandel, und wir können uns heute bereits vorstellen, wie in der Zukunft aktuelle künstlerische Untersuchungen vergangener Kunstwerke neu und aus einem ganz anderen Blickwinkel interpretiert werden.

Neben kulturhistorischen Prozessen können auch unser Selbstbild und Selbstverständnis im Laufe der Zeit psychologischen Neuinterpretationen unterliegen. Die Umgestaltung persönlicher Erinnerungen ist ein fortlaufender Prozess. Erinnerungen sind lebendig und werden ständig neu geformt. Das Gedächtnis ist bekannt dafür, uns zu täuschen, da es mit der Fantasie zusammenarbeitet. Im Surrealismus, in der Mystik und der Psychoanalyse wird ebenso nach Wegen gesucht, vergessene Anregungen und Reize aufzuspüren und neu zu interpretieren.

Die Erinnerung lebt auch als Rohstoff weiter, als abgelegte Datei, die mit künstlerischen Mitteln geöffnet und zum Leben erweckt werden können. Dabei werden hochsensible, psychogeografische Erinnerungen an vergessene Ideale, Lebensentwürfe und Werte neu interpretiert und umgeformt.

Orphaned Memories beschäftigt sich mit dieser Art von Erinnerungen und ihren utopischen Erwartungen an die Zukunft, von denen wir nicht mehr wissen, woher sie genau stammen, die aber dennoch in uns lebendig sind. Die Ausstellung zeigt auf phantasievolle Weise Wege, diese Erwartungen aufzuspüren, sie zu hinterfragen und darauf zu reagieren. Vergangenheit und Zukunft haben einen gemeinsamen geistigen Ort der Phantasie.

Was wir heute sind, ist eine Mischung aus Erinnerungen und aus Fantasien, die sich wie Erinnerungen darstellen und die durch unsere Erwartungen an die Zukunft weiter ausgemalt werden. Wie wir uns heute sehen, kann durch Selbstbeobachtung, Neuinterpretation und psychischer Läuterung drastisch verändert werden. Nichts ist wirklich unveränderlich. Was wir meinen, verloren zu haben, kann wieder hervorgeholt werden.

Über die Arbeiten:

Ivetta Sunyoung Kang sieht Kino als dauerhafte Kunstform und interessiert sich insbesondere für die Momente, in denen das Unsichtbare sichtbar wird. Sie erforscht die Bedeutung der eingeprägten „toten Erinnerungen“ des untersuchten Filmmaterials. Sie unterzieht diese Kulturrelikte dabei einer Verjüngungskur und untergräbt gleichzeitig ihren ursprünglichen kommerziellen Zweck und ihre ideologische Bedeutung. Kangs Kunstprojekt Whispering and Unfolding verwendet 35mm-Film als skulpturales Material für eine Installation, wobei sie versucht, künstlerischen „Widerstand gegen die Kino-Industrie und die primäre Nutzung von Filmmaterial“ zu leisten und eine alternative, experimentelle und persönliche Definition von Kino zu entwickeln.

Die multidisziplinäre Künstlerin Dongyan Chen untersucht die Entstehung und Rekonstruktion von Erinnerungen und Träumen mithilfe von Klang, Installation, Fotografie, Video und Zeichnung. Sie untersucht auf welche Art und Weise Texte, Bilder und Töne in Montagen Erinnerungen rekonstruieren und umformen, indem sie diese mit Prozessen wie Träumen oder Verfahren der Psychoanalyse vergleicht. Dongyan Chen will ein Erlebnis schaffen, „das das Publikum in eine traumähnliche Welt entführt und ihnen hilft, sich selbst zu erkennen.“

Elena Amabilis aktuelle Fotoserie konzentriert sich auf politische Geografie, sozialistische Architektur und Brutalismus. Ihr psychogeografisches Projekt Slavaroid – Instant East katalogisiert verlorene, vergessene und verfallene Räume in den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Immer ein wenig verschwommen und unvollkommen, aber in ihrer farbenfrohen Erscheinung seltsam futuristisch und überhaupt nicht nostalgisch, fixieren die analogen Sofortbilder Spuren einer Welt, die zwar nicht mehr existiert, aber immer noch Einfluss ausübt. Von Armenien bis Dresden, von Moskau bis Lettland, von Kasachstan bis Moldawien, diese Zeitzeugen sind bleibend und machen deuten, dass jede (perfekte) Zukunft nur mit einem guten Erinnerungsvermögen und dem Verständnis für die Vergangenheit möglich ist.


Über die Künstlerinnen:

Ivetta Sunyoung Kang

An art installation using analog film, projection, tread.
Ivetta Kang – Today’s glance with the formerly immobilized scene, sculpture and single-channel video, 35mm found footage, thread, photo frame, sweater, LED lights, sound, color, 35minutes, loop, 2018, work- in-progress

Ivetta Sunyoung Kang ist eine multidisziplinäre Künstlerin aus Südkorea, die in Montreal lebt und arbeitet. Ihre Werke umfassen Film, Video, Videoinstallation, Performance und Expanded Cinema. Sie hat einen Master in Film Production Concentration/Concordia Universität, Montreal. Sie studierte außerdem Fiction Cinema im BFA-Programm für Filmproduktion in Südkorea. Kang hat mit Filmemachern und Tonkünstlern zusammen gearbeitet. Seit 2017 ist sie Teil des Duos CCVX?, für das sie zusammen mit dem Klangkünstler Eric You audiovisuelle Installationen und Performances produziert. Kangs Arbeiten wurden international auf Festivals gezeigt, zum Beispiel: JeonJu International Film Festival/Südkorea, Chennai Woman International Film Festival/Indien, Cucalorus Film Festival/USA, San Diego Underground Film Festival/USA, Festival Les Instants Video/Frankreich, Maryland Film Festival/USA, Ae Film Festival/USA und Salón Internacional de La Luz/Kolumbien. Kang wurde für den Sylvie and Simon Blais-Award 2016 in Montreal nominiert.
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Dongyan Chen

Video collage still.
Dongyan Chen – J’s Dream Universe, video/installation, 2018

Dongyan Chen ist eine in China geborene bildende Künstlerin und Illustratorin, die in Singapur lebt und arbeitet. Chen arbeitet mit einer Reihe von verschiedenen Medien und verwendet Klang, Installation, Fotografie, Videoinstallation, Zeichnung und Malerei, um Kunsterfahrungen zu erschaffen, die das Publikum direkt ansprechen und eine Reaktion hervorrufen. Sie hat einen Bachelor of Fine Art (Hons), Central Saint Martins/University of the Arts London (2018) und ein Foundation Diploma in Art & Design derselben Hochschule. Chens Arbeiten wurden in Ausstellungen in London und Shanghai präsentiert, darunter Distilled Revery, Untitled Space (Shanghai) Déjà Vu, Freud Museum London und The Flow of Nature, City University of London.
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Elena Amabili

Brightly-colored special edition Polaroid of Soviet architectural detail by Elena Amabili.
Elena Amabili – Slavaroid – Instant East, 2017, special edition Polaroid

Die in Berlin geborene italienische Fotografin Elena Amabili widmet sich in ihren Arbeiten sozialistischer Architektur, Brutalismus, politischer Geografie und der Erkundung des städtischen Raums. Mit ihren fotografischen Langzeitprojekten erstellt sie eine Sammlung verlorener, vergessener und aufgegebener Räume in den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Neben Slavaroid – Instant East arbeitet sie zusammen mit Alessandro Calvaresi an Drum Bun, einer fotografischen Reise durch Moldawien entlang der Straßenschilder aus der Sowjet-Ära. Ein weiteres aktuelles Projekt ist Soviet Innerness, das das ornamentale Erbe des Ostens an den Wänden verfallener Gebäude nachzeichnet. Das Projekt wurde im Calvert Journal, in der Süddeutschen Zeitung, in Domus und anderen Zeitschriften vorgestellt.
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Die Teilnahme von Ivetta Sunyoung Kang wurde vom Arts Counsel Korea unterstützt.

Arts Council Korea

Orphaned Memories – Dongyan Chen, Ivetta Sunyoung Kang, Elena Amabili
Gruppenausstellung im Rahmen des 48 Stunden Neukölln Festival
15. – 22. Juni 2019, 14-19 Uhr
Eröffnung: Freitag, 14. Juni 2019
Eintritt frei
Kottbusser Damm 95, 1.OG, 10967 Berlin